• Wenn ein Leben als Neonazi als einzige Zuflucht erscheint

    Die Suche nach Anerkennung

    Wir erfahren wie Timo F. auf der Suche nach Freundschaft, Zugehörigkeit und Anerkennung motiviert durch seine Mutter in die rechtsextreme Szene rutscht. Der Autor wächst in prekären Familienverhältnissen auf, ein Leben als Neonazi erscheint ihm in der frühen Jugend einzige Zuflucht zu sein. Letztendlich gelingen ihm der Ausstieg und der Beginn eines selbstbestimmten Lebens.

    „Das Buch ist sehr spannend und real geschrieben! Ich wollte schon nach den ersten Seiten nicht mehr aufhören zu lesen!“, bringt es mein Sohn auf den Punkt.

    Timos F´s Biografie ist durchweg interessant und anziehend, die Sprache einfach, jugendlich und klar. Zu Beginn jedes Kapitels sind Zitate von Fachleuten aus Ausstiegshilfe und Wissenschaft abgedruckt, die das Buch thematisch strukturieren und Timos Weg als einen von vielen kennzeichnen. Diese Gliederung verschafft dem Lesenden einen Überblick und ließe sich ausgezeichnet für den Unterricht nutzen.

    „Neonazi“ ist ein Buch, das sich optimal für junge Erwachsene eignet, die sich mit den Themen Anerkennung in Freundschaft, Liebe und Familie, Selbstfindung, extremistischen Tendenzen in der Interpretation der Wirklichkeit auseinandersetzen und dabei ihren eigenen Weg suchen.

    Für manche ist das besonders hart, weil sie zuhause keinerlei Unterstützung haben und ihre Orientierungslosigkeit und emotionale Verwahrlosung sie empfänglich für extreme Strömungen macht und leicht ausgenutzt werden kann. So bei Timo.

    „Ich konnte mir alles sehr gut vorstellen!“, betont mein Sohn. Das macht die große Anziehung dieses Werks aus.

    Verfasst in der Ich-Perspektive fühlen wir mit Timo und verstehen ihn mehr und mehr. Anfangs ist sein Einstieg in die rechte Szene nur der verzweifelte Versuch seiner kalten, unreflektierten und verantwortungslosen Mutter nah zu sein, wie er sie am Ende des Buchs beschreibt. Seinen Vater hat Timo nie kennengelernt, seine wechselnden Stiefväter ignorieren oder schlagen ihn, so bleibt seine Mutter die einzige Bezugsperson. Als ehemaliger Teil der rechten Skinheadszene spielt sie ihm rechtsextreme Musik vor und „[sieht] dabei so glücklich aus, wie [er] sie noch nie zuvor gesehen“ hat. Timo folgt ihrem Beispiel und sucht nach illegaler, faschistischer Musik und ihren Symbolen im Netz. Er entwickelt sich immer mehr zum Neonazi, glaubt die rechte Ideologie und Propaganda und seine Mutter fördert seine Wandlung: „Und wenn sie mich ansah, dann voller Stolz. […] Endlich war ich in ihren Augen ein ordentlicher, junger Mann mit der richtigen Sicht auf die wichtigen Dinge des Lebens.“.

    Mein Sohn und ich können das Buch total weiterempfehlen! Es ist packend geschrieben; sehr lebendig und nachvollziehbar erfahren wir Timos Geschichte, sind schockiert und nehmen Anteil.

    Zuvor war es für uns unvorstellbar, wie man rechtsradikal werden kann. Mit Timos Biografie können wir es nun besser verstehen und würden rechtsextremen Jugendlichen vermutlich offener begegnen, denn nicht jeder will Nazi bleiben und braucht – so wie Timo – Kontakt zu Menschen, die ihm beim Aussteigen helfen und den Mensch hinter der Ideologie wahrnehmen.

    Unsere Buchbotschafterin: Frau Tanja Siedel-Rettinger hat drei Kinder Valentin (12), Karlsson (6) und Kiana. Valentin hat das Buch getestet.

    „Neonazi“ ist die Biografie von Timo F. Sie ist 2017 bei Arena erschienen, umfasst 211 Seiten mit acht Kapiteln und kostet 9,99€. Das Buch wird ab 13 Jahren empfohlen, mein Sohn hat es mit zwölf gelesen.

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