Brauchen Kinder einen Erzieher?

Probleme mit der Schule? Haben unsere Kinder Perspektiven? Austausch rund um die Bildung unserer Kids ab Schulanfang ...
Antworten
Wölkchen

Brauchen Kinder einen Erzieher?

Beitrag von Wölkchen » 30.01.2007, 13:52

Es ist nicht selten, dass Kinder teilweise bis zu ihrem zwölften Lebensjahr ausschließlich von Frauen erzogen werden. Zu Hause, im Kindergarten und auch in der Grundschule fehlt die männliche Bezugsperson teilweise bis ganz. In den vergangenen 10 Jahren hat die Zahl der Beschäftigten in diesen Bereich zwar zugenommen, aber der Anteil der Männer blieb konstant bei vier Prozent. GrundschullehrerIn werden zu 75 % Frauen.

Jetzt stellt sich die Frage, brauche Kinder einen männlichen Erzieher? Wenn ja, wofür meint ihr wäre er in der Entwicklung der Kinder wichtig?

Ich stelle mal ein paar Sätze in den Raum:

-Jungen brauchen den Vaterersatz

-zur Ididentifikation mit dem eigenen Geschlecht

-als Vorbild

-zum Erlernen von typisch männlichen Verhaltensformen (raufen, handwerken, technische Dinge usw.)

- Mädchen zur Stärkung des Selbstbewusstseins

Babsel

Beitrag von Babsel » 30.01.2007, 14:31

Danke, Tina. Du hast ein Thema angesprochen, was uns schon lange beschäftigt. Wir sind nämlich unbedingt der Meinung, dass gerade Jungens eine männliche Antipode für ihre Entwicklung brauchen. Da in Kindergärten und Schulen vorwiegend Frauen arbeiten, können viele Jungs diese nur über den Sport bekommen. Und auch das ist nicht gewiss. Sie müssen ihre Identifikation mit sich selbst im "Kampf" gegen eine von Frauen dominierte Umgebung suchen und finden. - Nicht immer leicht. (Denn ich bin davon überzeugt, trotz allem feministischen Gerede, dass es zwischen Männlein und Weiblein Unterschiede gibt. Und das finde ich auch gut so!)

Wir merken an unserem Sohn, dass er viel lieber mit Männern arbeitet. Allerdings hat er als Baby schon sich mehr Männern als Frauen zugewandt. Das mag auch Typsache sein, ist aber für uns ein deutliches Indiz dafür, dass Männer in der Erziehung, mindestens für viele Jungens, sehr wichtig sind.

Wir denken schon, dass sie darin "Verbündete" gleichen Geschlechts finden und sich, gerade in schwierigen Entwicklungsphasen, in denen auch Mütter häufig überfordert sind, die "männliche Sicht der Dinge" zu verstehen, lieber an ihnen orientieren.

Es ist sehr schade, dass es so wenige männliche Grundschullehrer gibt. An unserer Schule unterrichtet gerade mal einer. Wenn Sohni in mal in einer Vertretungsstunde hat, kommt er voll begeistert nach Hause!

Im Kindergarten wurde er von einem Erzieher betreut. Es war einfach klasse!

Es ist ihm auch enorm wichtig, wenigstens hin und wieder ein Papa-Wochenende zu haben. Das klagt er unter Umständen auch sehr energisch ein. Sie gehen Wandern, Skifahren, Lagerfeuer machen, Schwimmen, Radfahren und auch mal ins Kino. Dabei entwickeln sich Männergespräche, in denen sich Sohni wieder findet. (Und Papa genießt es auch! - Ähm, Mama hat auch nichts gegen ein paar freie Stunden ....

Deine angesprochenen Denkanstöße kann ich voll unterstreichen und bejahen.

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 30.01.2007, 14:54

Ja Babsel, ich gehe mit dir in der Hinsicht konform. Ich streite nicht ab, dass die Jungens von uns das Gleiche kriegen, aber es ist anders halt weiblich eingefärbt. Ich habe eben noch was interessantes gelesen, es bezog sich auf die wenigen Männer, die in Erziehungs-bzw Wissenschaftlichen Berufen bei typischen Frauenberufen arbeiten:

Der "gender-Report" der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aus dem Jahr 2003 geht davon aus, dass fast 80 Prozent der in Tageseinrichtungen für Kinder beschäftigten Männer andere Aufgaben übernehmen und nicht in direktem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen.

Stand in meinem Newsletter von den niedersächsischen Schulprojekten.

Ob es nun daran liegt, dass in frauentypischen Berufen weniger verdient wird, oder ob Mann sich dann nicht männlich fühlt, sie fehlen dort auf alle Fälle. Doch wär ich die letzte, die euch Mütter von Jungens antreiben würde, die Berufswünsche eurer Kinder zu beeinflussen. ;)

Babsel, was kann man sonst tuen, wenn keine männliche Bezugsperson bereit steht? Ich frag mich das heut schon den ganzen Morgen. Da liest man so viel gute Vorschläge, noch bessere Ausarbeitungen, aber was nutzt es dir, wenn du nicht grad einen parat bei Fuß hast. Verzwickte Angelegenheit. Männliche Tagesmütter? Ich werd weiter denken und lesen.

Babsel

Beitrag von Babsel » 30.01.2007, 20:08

Tina, männliche Tages"mütter", das habe ich schon gehört - und finde es klasse.

Es stimmt, diese Berufe sind in der Gesellschaft sicher als unmännlich etikettiert. Für manche ein Grund, den Beruf nicht zu wählen. Was dann aber meines Erachtens kein Schaden ist, denn zu diesen Berufen gehört Idealismus, Rückrat, Gradlinigkeit und Standfestigkeit. Keine Attribute, die man jenen verleiht, die wegen des "Geredes" von einer Berufung Abstand nehmen.

Die Männer, die trotz mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz, Lehrer oder Erzieher werden, die wollen es sein, weil sie in sich die Beruf"ung" dazu spüren. Frauen ergreifen den Beruf häufig, weil er eben leichter vereinbar mit Familie etc. ist.

Dazu ein Gedanke, der vielleicht etwas abweicht und doch sehr viel damit zu tun hat. -
Wir waren vor kurzem in einem sehr schönen Restaurant. Dort bediente uns ein Kellner. - Klasse! So locker, so selbstverständlich, so souverän. Die Bedienung, die dort arbeitete, machte ihren "Job".
- Wir versuchten zu ergründen, warum das so ist. Ich denke, bei Männern ist es so, dass sie ihrem Beruf - im Optimalfall ihrer Berufung - nachgehen.
Bei Frauen ist es eine von vielen weiteren Beschäftigungen, die sie täglich machen/machen müssen. Kinder, Haushalt, Job ... Man merkt vielen Frauen die enorme Doppel- und Überbelastung - gerade im Dienstleistungsbereich - an.

In der Schule oder in Kindergärten ist es nicht viel anders. Die Frauen dort haben auch meist auch Familien zu versorgen. Die männlichen Lehrer/Erzieher gehen "nur" ihrem Beruf nach. Sie können viel unbelasteter und freier arbeiten, weil "frau" ihnen in der Regel das Drumherum zu Hause weitestgehend abnimmt.
Das, was dabei herauskommt, ist häufig ein riesengroßer Unterschied.

Alleinerziehende Mütter haben meines Erachtens nur die Chance, sofern finanziell überhaupt möglich, ihren Kindern über männliche Trainer im Sport die männliche Seite der Erziehung zu bieten.
Schon aus diesem Grunde - im Interesse der Kinder - wäre es wichtig, dass mehr Männer diese Berufe ergreifen. Sie erwiesen der Gesellschaft damit einen großen Dienst.

Leider sind aber auch die typischen Frauenberufe schlichtweg unterbezahlt. Der Erzieher an unserem Kindergarten jobt nach KiGa-Schluss noch in einer Fahrschule und abends in einer Kneipe. So kommt er wenigstens auf ein einigermaßen normales Gehalt. An eigene Familie ist aber nicht zu denken! Und das finde ich mehr als schade!

woodstock

Beitrag von woodstock » 30.01.2007, 21:12

Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den Jungs gut tut, einen Erzieher oder Lehrer zu haben.
In der Kita gabs mal einen, der studierte Soz.-Päd. und machte dort ein Praktikum. Er war immer umlagert, von Jungs wie Mädels.
An der Grundschule gabs, nachdem es seit vielen Jahren nur Lehrerinnen gab, endlich mal einen Refrendar.
Das war den Kindern so fremd, dass ich Kommentare hörte, wie:
Was macht denn ein Mann hier?
Haha, ein Mann hier an der Schule...

Ich finde, ein normales Schulleben sollte genauso aus Lehrern wie aus Lehrerinnen bestehen und finde es ebenfalls schade, dass Kinder diese Erfahrung (meistens) frühestens auf der weiterführenden Schule machen...

Knuddels, Doro

blues

Beitrag von blues » 31.01.2007, 08:31

Der Meinung bin ich auch ... es müsste mehr Männer in den Berufen geben.

Ich habe es im Kindergarten gesehen - die dort eingesetzten Zivis waren immer umringt von den Kids und auch in den Schulen sind die männlichen Lehrer hochgeschätzt...zumindest einige :D

Auffällig finde ich es schon, dass es an den Grundschulen so gut wie keine gibt. Woran liegt das ? Das Geld kann es nicht sein, denn meines Erachtens nach werden die Lehrer alle nach einer bestimmten Tabelle bezahlt - egal ob Männlein oder Weiblein. Ist es unter ihrem Niveau, Grundschüler zu unterrichten ? Oder sehen sie sich den Kleinen nicht gewachsen ?
Ich kenne nur einen Grundschullehrer, den ehemaligen Musiklehrer meines Sohnes. Leider muss ich da auch gestehen, dass er mit den Kleinen scheinbar überfordert war...zumindest zeitweise. Aber die können doch wohl nicht meinen, dass es leichter ist, Jugendliche zu unterrichten ???

Das manche Männer erst etwas mit Kindern anzufangen wissen, wenn diese größer sind und sprechen können, ist kein Geheimnis ;) , aber das können Grundschulkinder doch schon mehr als gut :ja:

Ein Problem kommt mir allerdings auch in den Sinn - bei den heute so oft vorkommenden Pädophilen haben Männer in Erzieherberufen auch einen schweren Stand, oder ?

Babsel

Beitrag von Babsel » 31.01.2007, 09:17

blues hat geschrieben:Ein Problem kommt mir allerdings auch in den Sinn - bei den heute so oft vorkommenden Pädophilen haben Männer in Erzieherberufen auch einen schweren Stand, oder ?
Das unterschreibe ich auch, Andrea. Wie viel Nähe dürfen sie zulassen? Wo wird ein Streicheln über den Kopf schon zur sexuellen Nötigung? - Sicher ein Grund, der Männer davon abhält, Grundschullehrer zu werden. (Ein Freund von uns hat mit seiner kleinen Tochter nie gebadet ...)

Zu "meiner Zeit" gab es die noch häufiger. Ich hatte auch einen Grundschullehrer. Da ich zwar mit Opa aber ohne Vater aufwuchs, eine Männerfigur, die mich mit seiner Geradlinigkeit, Güte und fairer Strenge sehr geprägt hat. Die Lehrerinnen haben immer gleich "gefiept", während er ruhig nur seine Stimme anhob. Das hatte nicht nur bei mir, durchschlagende Wirkung und sofort war "Schicht im Schacht".

Der Lehrer an Sohnis Schule steht auch kurz vor der Pensionierung. - Vielleicht, Andrea, ist Dein Gedanke ein häufiger Grund, dass keine "neuen" mehr nachkommen?!?!

bienchen

Beitrag von bienchen » 31.01.2007, 09:49

Schaut mal, das könnte auch eine Erklärung sein, warum die Anzahl der Männer nachläßt, die den Lehrberuf an den Grundschulen ausüben wollen.
Josef Kraus hingegen macht das geringe Prestige, vor allem aber die mageren Aufstiegschancen dafür verantwortlich, dass karrierebewusste Männer kaum in die Grundschulen gehen wollen. »Es ist doch so: Schulleiter wird nur einer, die anderen stecken fest. Auch finanziell.«
Das klingt für mich plausibel, warum gerade erfolgsorientierte Männer eben diesen Beruf nicht ergreifen.
Zu wenig Ansehen in der Bevölkerung ist für mich der auschlaggebende Grund.
In dem Artikel sind auch Zahlen benannt, wie dramatisch der Rückgang der männlichen Lehrkräfte an den Grundschulen zurückgegangen ist.
Es wird auch betont, wie wichtig gerade für Jungen männliche Erzieher sind. Ich habe auch mal eien Artikel darüber gelesen, dass weibliche Erzieherinnen anders mit Jungen umgehen, als eben männliche.
Frauen kommem oftmals mit der "Wildheit" der Jungens nicht zurecht und werden viel häufiger ermahnt als die Mädchen.
Dabei gehört gerade das körperliche Agieren und Ausprobieren untereinander zur Entwicklung der Jungen und ist bei Mädchen nicht so ausgeprägt.




Nachzulesen hier
http://www.zeit.de/2006/26/C-Grundschul ... ge=all#top

Babsel

Beitrag von Babsel » 31.01.2007, 10:13

Ja, bienchen, das ist natürlich durchaus auch ein Aspekt. :ja:

woodstock

Beitrag von woodstock » 31.01.2007, 16:14

Bienchens Zitat ist absolut richtig!
Die Aufstiegschancen sind es auf jeden Fall und somit eben doch das Geld.
Der Refrendar wurde an der Schule eingeführt und hatte sich schon allerhand Kommentare seitens der Kinder anhören müssen, da meinte auch die Schulleiterin, dass eben aus Gehaltsgründen keine Praktikanten und erst recht keine Lehrer an die Grundschulen kommen.
An dieser Schule ist der letzte Mann vor 4 oder 5 Schule - stellvertretender Schulleiter.

Gruß, Doro

Monique

Beitrag von Monique » 01.02.2007, 13:04

Das ist echt ein gutes Thema hier
Meine Kids haben beide das Glück in der Schule auch männliche Lehrer zu haben, gerade weil ich alleinerziehend bin halte ich das für sehr wichtig.
Als ich einen Antrag auf eine Betreuung für meinen Jüngsten gestellt habe, erwähnte ich, daß es vielleicht besser wäre eine männlcihe Person dafür einzusetzen. Der Bearbeiter vom jugendamt war ganz meiner Meinung und unterstützte meinen Wunsch. Das ganze hat zwar jetzt deswegen länger gedauert, aber nun habe ich endlich den Bescheid, daß es kommenden Monat los geht.
In der Realschule meines großen gibt es mehrere Lehrer die unterrichten, meiner Meinung nach werden sie von den Kids eher ernst genommen.

LG
Monique

matou

Beitrag von matou » 01.02.2007, 21:38

Ich schließe mich an, dass mehr positiv besetzte männliche Rollenvorbilder für Jungs wichtig wären - aber auch für die Mädchen!

Meine Tochter hatte in ihrem letzten Kindergartenjahr zwei (!) Erzieher, und das war gut so, denn in ihrer Gruppe von 24 Kindern waren nur 8 Mädchen... Die Jungs hatten viel weniger Probleme, sich einzuordnen und Autoritäten zu akzeptieren als im Jahr zuvor mit zwei Frauen.

Übrigens ist mein Mann seit ein paar Monate an zwei Nachmittagen in der Woche "Tagesvater" für zwei Grundschulkinder, die regelmäßig zu uns kommen. Und das klappt auch einwandfrei. Wir Frauen müssen uns manchmal vielleicht auch von der Vorstellung lösen, dass nur unsere Art und Weise am günstigsten ist für die Kinder. Sie ist einfach nur anders.

Liebe Grüße,

Matou

Babsel

Beitrag von Babsel » 01.02.2007, 21:54

matou hat geschrieben:Wir Frauen müssen uns manchmal vielleicht auch von der Vorstellung lösen, dass nur unsere Art und Weise am günstigsten ist für die Kinder. Sie ist einfach nur anders.
Da pflichte ich Dir uneingeschränkt bei, liebe matou.

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 01.02.2007, 22:30

Vielleicht interessiert euch die Studie über die Situation der Männer in solchen Berufen. Ich habe es selber noch nicht geschafft, alles zu lesen.
http://www.sign-project.de/zur_situatio ... erufen.pdf

Antworten

Zurück zu „Schule & Ausbildung“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste