Jeder ist anders ... und doch nicht anders

Austausch über das Leben und Arbeiten mit Behinderten / mit einer Behinderung * Aufeinander zugehen und erkennen, dass wir uns gegenseitig viel zu geben haben und voneinander lernen können.
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Schnuppe

Jeder ist anders ... und doch nicht anders

Beitrag von Schnuppe » 05.04.2006, 20:44

Ich bin der Meinung, dass Menschen, die eine Behinderung haben, genauso verschieden sind wie alle Menschen. Sie sind nicht viel anders als die "anderen". Sie lachen, weinen, arbeiten, spielen, streiten, sind glücklich oder traurig.

Habt ihr behinderte Mitmenschen in eurem Umfeld? , wenn ja, erzählt doch mal von ihnen. Schildert doch einfach, wie es euch damit geht.
Jeder sieht es anders, und doch ist die Sichtweise fast gleich.
Schnuppe

woodstock

Beitrag von woodstock » 05.04.2006, 21:06

Liebe Schnuppe,
ich könnte jetzt viefältige Berichterstattungen abgeben, da in meiner Umgebung, in welcher ich aufwuchs, etliche Menschen an Trisomie 21 (Mongolismus) leiden. Aber eigentlich muss ich auch wieder sagen, dass es gar nichts Besonderes war, weil diese Menschen, soweit das geht, in ihrem Elternhaus aufwuchsen.
Zwei davon waren allerdings so schwer behindert, dass ihre Eltern sich dazu entschlossen, sie in ein Heim zu geben. Fakt war, dass einer dieser Menschen sich nicht einmal normal fortbewegen kann und damit auch eine häusliche Pflege unmöglich war. Die Eltern waren aufgrund ihres Alters nicht in der Lage, sich genügend um ihr Kind zu kümmern. Bei dem anderen Kind war es so, dass es ständige Aufsicht benötigte, weil es eigentlich jeden Gegenstand, den es in die Hände bekam, zerstörte.
Andere sah ich, die nun mit ihrem Lebenspartner in einer beschützenden Wohngemeinschaft leben und in Werkstätten arbeiten.
Für uns als Kinder war das nie ein Problem.
Dass diese Menschen krank sind, wo sie doch alles so leben wie wir, nur keine "normale" Schule besuchen konnten, wäre mir nie in den Sinn gekommen.
Gruß, Doro

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 05.04.2006, 21:30

Von zweien habe ich ja im Nachbarthread schon berichtet.

Die Lebensabschnittsgefährtin meines Bruders wusste seit ihrem 30ten Geburtstag, dass sie eines Tages im Rollstuhl sitzen wird. Es war kein leichter Weg dorthin. Ich habe noch vor Augen, wie wir uns Freischie?en (unser hiesiges Schützenfest) laufend, lachend und tanzend entgegenkamen.
Ihr Lachen ist geblieben, die Schmerzen haben es ihr nicht nehmen können. Sie war es, die mir Mut machte, ich war es, dir ihr Mut machte. Auch sie würde diese Threadüberschrift teilen.
Warum?
Sie wuchs hinein in die Behinderung, nicht mehr laufen können, immer auf Hilfe angewiesen sein, die kleinste Kleinigkeit........ heje, wir lachen darüber. Doch die Schwierigkeiten mit anderen Menschen mit dem gleichen Handycap waren die gleichen, die Menschen ohne auch miteinander haben.
Entweder es funzt, so sagt sie, oder nicht. Und wenn nicht ist es doch wurscht, ob jemand im Rolli sitzt oder nicht, dann erzähl ich ihm wo es bei mir lang geht............... Hamburger Dialekt kommt super. :grin:

Sie ist eine tolle Frau.

Schnuppe, ich habe meinen mittleren Bruder nie weinen gesehen. Aber als sie sagte, dass er gehen kann, er ist zu jung um sich mit einer Behinderten, die nicht mehr kann abzugeben......... da weinte er.....

Liebe geht doch weiter, oder? Das fragte er mich, wir kannten doch aus unserer Kindheit nur alles und nicht diese Unterschiede. Das musste meine Schwägerin (ohne Ehegelübte) noch lernen.

Und wenn ich jetzt noch weiter schreibe, dann stopfe ich diese Seite zu.
Ich wüsste nicht, mit wem ich weitermachen sollte....... der eine Mensch liegt mir mehr, der andere weniger und doch sind sie alle es wert geliebt zu werden. Bin ich ein Maßstab? Nein....... ich bin anders....

laemmlein

Beitrag von laemmlein » 05.04.2006, 21:58

Liebe Schnuppe,

ich habe ein paar Jahre als Erwachsene ein junges Mädchen im Rollstuhl betreut (die Tochter von Bekannten), das spastisch gelähmt war. Wir sind zusammen auf den Tennisplatz gefahren und haben "Tennis gespielt", d. h. ich habe ihr Bälle zugespielt und sie hat sie, wenn ich es schaffte, ihr einen auf den von ihr hingehaltenen Tennisschlager zu zielen, zurückprallen lassen.

Oder wir haben bei ihr zuhause "Culo", ein Würfelspiel gespielt, und ich habe ihre Freude erlebt, eine ganz besondereArt der Zuneigung zu mir, Freude, die aus dem Herzen kam und mir sovie bedeutete...

Heute macht sie ihren Weg, hat einen Beruf gelernt und lebt in einer WG.

Sie gehörtezu "unserer" Zeit immer "ganz normal" dazu...

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 06.04.2006, 09:28

Moin Moin aus dem Rhönerland, wo es heute früh wieder gefroren hatte.
Doro, das ist halt ein Manko, bei uns und in vielen anderen Ländern, das es bis heute zu wenig für Behinderte getan wird. Denke da nicht an geistig bEhinderte, sehr viel mehr an Geschädigte durch Unfälle, Krankheiten usw. Hier ist das Sensible dafür immer noch nicht bei uns angekommen. Denkt mal an die Behindertenolympiade. Es hat sehr lange gebraucht, bis diese Sportaktion überhaupt in den Medien Sendezeiten bekam. Diese Menschen versuchen mit ihrem Handycap "Normalität" zubekommen, und erst Politiker, die dort hinfahren und es mit ansehen legen Weichen. Schade, denn ihre Leistungen sind einfach nur SUPER TOLL!!!

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 06.04.2006, 09:38

Tina, es tut weh, und du bist du mit deinen eigenen Empfindungen, und das ist auch gut so. Wenn Liebe da ist, hält sie sehr oft mehr aus als man denkt.

z.B.: meine Freundin sitzt mit MS seid fast 16 Jahren damit im Rollstuhl, und ihr Mann war bestimmt oft am Scheideweg. Sie war nicht einfach, kämpfte dagegen an, forderte und forderte, und benötigte lange um ihr gebrechen anzunehmen. Wir konnten nicht helfen. Von außen nur der passive Part. Doch sie sind noch zusammen, und es geht jetzt besser denn je. Liebe geht weiter, nur Aussenstehende können sich nicht so einfinden wie Betroffene. Die Problematik sehen wir ja anders, und die beiden bemerken bestimmt viele Stolpersteine. Helfen - ??? bin ich immer sehr vorsichtig, denn zuhören hilft oft schon. Ratschläge - bin ich ehrlich, können auch nach hinten gehen.

Ich finde, das man sich nicht abwendet, dran bleibt als Freund ist eine große Hilfe. Oder was meinst du dazu? Gruß Schnuppe

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 06.04.2006, 11:03

Schnuppe, was du schreibst haben die beiden zusammen geschafft.

Ich konnte nicht ratschlagen, nur zuhören und da sein. Sie musste lernen die Akteptanz aufzubringen, dass ein Mann bei ihr bleibt und er, dass sie ein anderes Gefühl der Liebe brauchte. Eigentlich ist es das, was sich ändert wie immer im Leben. Die Sichtweise in Bezug auf Leben und was ich gebe.

Letztens hat sie sich beschwert, das er sich beschwert, wenn sie was nicht kann und nicht nach ihm ruft........ hey, das ist ihr Satz. ;-) Wir lachten darüber und wussten beide, dass mein Bruder noch ein wenig lernen muss. :grin:

Geduld auf beiden Seiten ist wichtig, beide müssen lernen einen neuen Weg zu gehen. Wegen einer Behinderung will man ja nicht wieder wie ein Kleinkind behandelt werden, gelle?

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 06.04.2006, 16:56

Ne Tina, man muss halt andere Wege gehen. Und sie passen, wenn man sich richtig Zeit läßt. ;-)

Heute nachmittag war ich im Einkaufszentrum "Kaiserwiesen" und dort brachte der Mann meiner besagten Freundin mit MS sie hin. Es war ein super schönen Nachmittag für uns. Viel gelacht, besonders, weil ich sie wiedermal nicht in das Auto bekam. Sie lag mehr wie sie saß...
Als ich auf ihr Grundstück fuhr kam ihre Verwandschaft ans Auto gelaufen "Mönsch Anne, du hast sie ja net mitgebracht... Erst beim Reinschauen wurde sie gesehen.. Herzhaftes Glächter von allen. Du siehst, Christa und ich haben jeder ein Handycap, was uns nicht behindert..ne ne, wir schaffen es auch so :mrgreen: :mrgreen:

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