Ich hatte einen Löwen...

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matou

Ich hatte einen Löwen...

Beitrag von matou » 17.10.2004, 20:54

Ich hatte einen Löwen, an dem mein Herz sehr hing. Eines Tages musste ich rasch fort und bat einen guten Freund, so lange bei dem Löwen zu bleiben.

Als ich zurückkehrte, war mein Freund tot, ermordert von meinem Löwen, er hatte ihn totgebissen, weil er fürchtete, das könne mein Liebhaber gewesen sein.

Dumpfes Grauen und ein unbeschreibliche Angst stiegen in mir auf, als ich im gegenüber stand. Der Löwe lächelte, kam langsam auf mich zu und sagte: "Nun sind wir wieder allein."

Ich stürzte in wilder Panik vor ihm davon, aber er folgte mir und sagte mit ruhiger, unheimlicher und doch sanfter Stimme: "Du entkommst mir nicht, du wirst schon sehen."

Ich rannte und rannte und kam an ein Haus mit dunklen Fenstern. Es gelang mir, mich auf das Vordach über der Tür zu retten, während mein Löwe, vor dem ich mich nun so fürchtete, unten hin und her lief. Er sah mich mit seinen großen lockenden, gefährlichen Augen an. "Warum fliehst du vor mir?" wisperte er sanft. "Du weißt, dass ich für dich geschaffen bin."

Vergeblich versuchte ich, seinem heißen Atem, der von unten an meine Beine wehte, durch Zurückweichen zu entgehen, da bemerkte ich knapp oberhalb meines Kopfes ein Fenster, das ein wenig offen stand. Alle meine Kräfte zusammen nehmend drückte ich mich an der Fensterbank hoch und glitt hinein. Gerade rechtzeitig schaffte ich es, das Fenster hinter mir zu schließen, als der Löwe mit einm gewaltigen Satz auf das Vordach sprang. In blinder Angst rannte ich in dem leeren Zimmer umher, verschloss die Türe von innen, ließ den Rollladen hinunter, um den draußen tobenden Löwen nicht mehr zu sehen und war mir auf einmal nicht mehr sicher, was dieses Wesen, das da auf mich lauerte, eigentlich war, Mensch oder Tier.

Kraftlos lehnte ich mich an die Wand und glitt zum Sitzen auf den Boden. Ich war nicht fähig, mich zu rühren, wusste nur, dass da draußen "er" auf mich lauerte und versuchte, mich auszuhungern, um mich schließlich doch zu bekommen und ´mit Haut und Haaren zu verschlingen.

Lange saß ich so im Dunkeln, atmete kaum, lauschte auf sein Toben vor dem Fenster. Da vorne war eine Tür. Wohin führte die wohl?

Sollte ich sie öffnen?




Matou

Wollibär

Beitrag von Wollibär » 17.10.2004, 21:03

Ich darf doch wohl auf eine Fortsetzung hoffen, Matou?

Sehr schöne Geschichte :gut:

woodstock

Beitrag von woodstock » 17.10.2004, 21:11

Wow!
Ich habe Deine Angst auch gespürt.
Das ist so ein Thema für einen ausgemachten Alptraum!
Beklemmend!
LG, Doro

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 17.10.2004, 21:30

@ matou

Von einer Sekunde auf die Andere bekam ich eine

Gänsehaut!

Gefühlte Angst pur!

Toll, wie du es rüberbringst!

matou

Beitrag von matou » 17.10.2004, 22:25

Alptraum, habe ich da gelesen. Ja, ein Traum war das mal, den ich in der Nacht vom 6.4. auf den 7.4.1988 hatte und darauf in mein Tagebuch geschrieben habe. Damals war ich 17 1/2 Jahre und sehr verwirrt. Dieser Traum hat mich nie losgelassen und er fiel mir wieder ein, als ich in großen Schwierigkeiten in meiner Beziehung steckte.

Auf einmal kam er mir vor, wie eine Vorahnung, ich suchte fieberhaft nach meinem damaligen Tagebucheintrag und habe ihn seither mehrfach überarbeitet. Den Schluss mit der Tür gibt es erst seit letztem Jahr, und ja, Wolli, es gibt eine Fortsetzung, denn ich habe mich getraut, aufzustehen, auf die Türe zuzuschreiten und hindurchzugehen. Aber wie ich die Geschichte weiterschreibe, weiß ich jetzt noch nicht.

Mein Löwe sitzt immer noch da draußen, manchmal kommt er mich besuchen, um mir seine Zähne zu zeigen. Oder er will mir zeigen, wie zahm er ist und wie töricht ich.

Aber als ich durch die Türe gegangen bin, habe ich entdeckt, dass ich selbst eine Löwin bin und seine Gesellschaft zumindest im Augenblick oder auch für länger nicht wünsche...

Gute Nacht,

Matou

Wollibär

Beitrag von Wollibär » 17.10.2004, 22:53

Matou, du kannst deine Gefühle sehr gut ausdrücken und damit Probleme verarbeiten. Du solltest unbedingt weiterschreiben. Mir scheint, dass du damit dein Selbstwertgefühl enorm steigern kannst, bzw. dir bewußt machen, was du wert bist.

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