Stilles Wasser

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matou

Stilles Wasser

Beitrag von matou » 12.02.2005, 18:40

Stilles Wasser

Man sieht mich nicht gleich. Ich liege in einem kleinen Wäldchen, ein bisschen abseits der viel besuchten Ausflugsziele. Je nachdem, von wo aus man zu mir findet, kann man schon einen langen Weg hinter sich gebracht haben. Die Menschen, die bei mir vorbei kommen, sind sehr verschieden. Manche kommen in Gruppen, andere alleine. Manche bleiben auf dem Weg, der um mich herumführt, andere gehen bis an mein Ufer, um ein wenig auszuruhen und die Stille zu genießen, vielleicht sogar ihre Füße in meinem Wasser zu kühlen.

Ganz wenige nur trauen sich und schwimmen in mir, vielleicht weil ich nicht wirklich wie ein einladender Badesee aussehe, eher kühl und dunkelgrün wie eine große Achatscheibe. Dabei ist mein Wasser überraschend mild. Aber wer in mir schwimmt und sich vorgenommen hat, bis ans andere Ufer zu kommen, der braucht schon ein bisschen Ausdauer, denn wer kein guter Schwimmer ist, wird sehr bald staunen, wie lange die Strecke ist und wie anstrengend.

Es hat schon Menschen gegeben, die haben sich erst einmal ein paar Züge getraut, aber von Mal zu Mal wurden es mehr. Einige von ihnen kommen regelmäßig, schon seit langer Zeit. Anfangs wollten sie immer die große Runde drehen, aber mittlerweile genieße ich es, wenn sie auf der Mitte sind und innehalten, sich auf den Rücken drehen und sich einfach mit geschlossenen Augen treiben lassen. Wieder andere, die zwar oft da waren, sind wohl des Schwimmens überdrüssig geworden und kommen nicht mehr zu mir.

Manche Menschen wurden mit der Zeit immer übermütiger und begannen, unter meine dunkelgrüne Oberfläche zu tauchen, um mit Erstaunen festzustellen, wieviel Bewegung unter dem glatten Spiegel ist. Eine Vielzahl an Pflanzen, große, kleine und mittelgroße Fische, Wasserkäfer, Larven, Kaulquappen und Frösche, zahllose Lichtreflexe, kantige und glatt gespülte Steine, kalte und warme Strömungen,... Ein paar meiner regelmäßigen Badegäste tauchen regelmäßig in diese Welt ein, und ich genieße ihre staunenden Blicke und ihre Entdeckerfreude.

Es hat allerdings auch schon welche gegeben, die beim Tauchen übermütig wurden. Sie fingen an, Pflanzen auszureißen oder Fische zu verjagen. Die einen blieben schließlich fort, weil sich keine Fische mehr zeigen wollten, wenn sie untertauchten. Die anderen haben in ihrem Übermut und ihrer Rücksichtslosigkeit einen Schrecken bekommen, wenn sie in eine meiner gefährlichen Strömungen geraten sind. Ihre Konsequenzen waren verschieden: Entweder haben sie sich vorgenommen, besser aufzupassen oder aber es hat sie ganz von mir fern gehalten. Wenn diese überhaupt noch vorbeikommen, dann wagen sie sich gerade noch an mein Ufer.

Es gab einmal einen Taucher, der mich lange Zeit sehr häufig besuchte. Er war sich seiner schwimmerischen Fähigkeiten bald so sicher, dass er sehr zu meinem Missfallen begann, meinen Untergrund umzugestalten, so wie man ein Feld umpflügt und bestellt. Er riss Pflanzen aus, die er für unnötig befand oder die ihm nicht gefielen, brachte dafür andere, die er bei mir ansiedeln wollte und ärgerte sich, wenn sie nicht so richtig auf meinem Grund wachsen wollten. Erst fiel es weder ihm noch mir auf, aber je mehr meiner ursprünglichen Pflanzen verschwanden, desto weniger Fische ließen sich blicken. Erst verschwanden die langen goldenen, dann die kleinen blauen und die dicken grünen. Schließlich waren nur noch ein paar Neunaugen übrig, die aber ein jämmerliches Bild abgaben, weil auch die Libellenlarven immer weniger wurden und die Frösche und die Wasserkäfer... Einzig den Elritzen schien es zu gefallen, denn sie vermehrten sich im Übermaß.

Mein Ufer blieb von diesen Veränderungen nicht verschont, das Schilf wurde dichter, man sah keine Libellen und keine Wasserläufer mehr.

Und so kamen von Woche zu Woche immer weniger Menschen zu mir, und die wenigen, die sich doch noch her verirrten, blieben kopfschüttelnd am Ufer sitzen. Es war eine unheimliche, leblose Ruhe ringsum.

In einer kleinen Senke, die der Taucher nicht entdeckt hatte, blieben ein paar meiner Pflanzen stehen, aber ihre Versuche, sich von dort aus wieder zu verbreiten, sobald der Taucher fort war, waren mühselig, weil er alle neuen Triebe immer wieder ausriss, sobald sie sich zeigten. Trotzdem blieben sie unermüdlich und beharrlich, setzten alles daran, ihr Terrain zurückzuerobern. Irgendwann war der Taucher es überdrüssig, immer so viel arbeiten zu müssen, wenn er mich besuchte. Statt wie früher meine Eigenarten zu genießen, hatte er mich umgestalten wollen nach seinen Vorstellungen und wurde nun zusehends unzufriedener, dass seine anfangs großen Erfolge einfach nicht von Dauer waren. Auch die fehlenden Fische störten ihn, und die Elritzen, die überall um ihn herum waren, gingen ihm auf die Nerven.

Ich war wütend auf den Taucher, weil er so viele meiner Besucher mit seiner Umgestaltung verscheucht hatte, hoffte, er würde sich vielleicht in einer meiner Strömungen verirren, sich in einer Pflanze verheddern, doch vergebens. Stattdessen wurde mein Wasser immer dunkler, so dass keine Lichtreflexe mehr an meinem Grund zu sehen waren. Es wurde kälter und kälter, und dem Taucher begannen die Nieren zu schmerzen, wenn er untertauchte. Er wurde wütend über diese Entwicklung, legte sich einen dicken Neopren-Anzug zu, aber selbst der konnte die Kälte irgendwann nicht mehr zurückhalten. Woher kam sie? Griff sie den Anzug von außen oder von innen an?

Mittlerweile kommt er nicht mehr in mein Wasser. Normalerweise bleibt er an meinem Rand, meistens läuft er sogar weit vom Ufer entfernt an mir vorbei.

Täglich zähle ich die Fische, die zurückkehren. Zuerst kamen zwei lange goldene. Manche meiner Besucher trauen sich auch wieder ins Wasser. Ist nämlich viel milder als man annimmt...


Matou

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 12.02.2005, 20:41

Matou
Ergreifend und lebensnah! Verarbeitung ist ein wichtiger Weg, um
wieder offen zu sein.
Super, schreibst du weiter?

spaetie

Beitrag von spaetie » 13.02.2005, 12:44

...danke!...

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