• Warum macht die das? Alleine sein ist doch gar nicht schön!“

    Kinder können auch mit anspruchsvollen Büchern sehr gut umgehen

    Frau Gabi Finken, Erzieherin in einem Kindergarten und Mama von drei Jungs (13, fast 14 und 16 Jahre alt) möchte euch dieses Buch vorstellen

    Darum geht`s: Dieses Bilderbuch erzählt von dem „ Mädchen von weit weg“, mit unbekanntem Schicksal und voller Sehnsucht nach Geborgenheit, welches auf eine einsame „Graue“ trifft, die ihre Einsamkeit nicht aufgeben möchte und keine Veränderungen in ihrem Leben wünscht. Wie passt das wohl zusammen?

     

    An einem sternenklaren Winterabend kommt das Mädchen von weit weg, nach langer Reise durch den dunklen Wald und vom Mondlicht begleitet an einem einsamen Haus mitten im Wald an. Nachdem sie dreimal geklopft hat wird ihr endlich geöffnet. Es ist die Graue, die die Türe nur sehr widerwillig öffnet, denn sie fühlt sich in ihrer Einsamkeit und Stille sehr wohl.

     

    Unbeholfen und wiederum widerwillig bietet sie dem schutzlosen Kind, das kein zu Hause mehr hat, Unterschlupf an. Die Graue betont, dies sei aber nur für kurze Zeit möglich! Ihr Leben ist nicht auf ein Leben zu zweit eingerichtet und schon gar nicht auf ein Kind.
    Am nächsten Morgen schickt die Graue das hilfesuchende Kind fort, hinaus in die Kälte. Das Kind passt nicht in ihr Lebenskonzept, eine Veränderung in ihrem Leben scheint die Graue nicht ertragen zu können. Dabei hat sie offensichtlich nicht gemerkt, dass sich ihr Leben schon jetzt grundlegend geändert hat….Der Kaffee schmeckt nicht so wie sonst, das Bettlaken hat noch den Duft des Mädchens und die Wärme des Ofens ist plötzlich stickig.

    Nichts ist mehr wie es vorher war, nichts war so wie es sein sollte! Was kann die Graue denn jetzt tun? Für die Kinder ist es während des Vorlesens völlig klar: „Die soll schnell das Mädchen finden, das Mädchen darf nicht alleine sein!“ Ein Buch voller Poesie und mit einem gefühlvollen Ende. Zitat eines lächelnden Mädchens (5 Jahre alt) am Ende des Buches: „Ich bin so froh über die Graue! Jetzt ist es doch ein liebes Buch geworden!“

    Das Buch hat sehr starke Emotionen bei den Kindergartenkindern ausgelöst

    Ein Kind, das keine Eltern und kein zu Hause hat, dieser Gedanke ist für die Kinder unerträglich. Das ungewisse Schicksal des Mädchens von weit weg regte die Kinder zu Spekulationen an. Sie dachten intensiv nach, was mit den Eltern des Mädchens geschehen sein könnte. Die meisten Kinder kamen zu dem Ergebnis, die Eltern hätten sich verlaufen und kämen am Ende des Buches zurück. Es schien als ob jedes Kind nach seiner eigenen Emotionalität dem individuellen Entwicklungsstand spekulieren und entscheiden konnte. Dies hat mir als Erzieherin sehr gut gefallen. Einem älteren Vorschulmädchen kam tatsächlich der Bezug zu Flüchtlingskindern in den Sinn. Mädchen (5,5 Jahre alt):“Von Mama und Papa weiß ich, dass es auch Kriege gibt und manche Kinder, dann keine Eltern mehr haben….“

    Umso glücklicher und besser, dass das Mädchen von weit weg am Ende der Geschichte die ersehnte Geborgenheit doch noch erfährt. Zitat wörtlich: „Das ist ein echt liebes Buch!“

    Es war der erste intensive und emotionale Punkt in diesem Buch. Die Kinder lächelten als die Graue das Kind mit warmer Milch versorgte und vom Küchenfußboden in ihr eigenes Bett hob. Unverständlich und erschreckend war es für die Kinder als die Graue das Mädchen am nächsten Morgen in die Kälte hinaus und wegschickte. Zitat:“Warum macht die das? Alleine sein ist doch gar nicht schön!“

     

    Als Vorleserin halte ich es für wichtig nicht alle Fragen der Kinder beantworten zu müssen. Das Buch wirkt für sich und die Kinder machen sich ihre eigenen Gedanken. Diese Geschichte zeigt deutlich wo die Kinder emotional stehen. Erwachsene sollten sich vorbereiten und das Buch zunächst alleine lesen, um sich mit der Geschichte auseinandersetzen und während des Lesens bei den Emotionen der Kinder sein zu können!

     

    Aber auch nach dem Vorlesen kann Gesprächsbedarf bei den Kindern sein, diesem sollte unbedingt genug Raum gegeben werden. Ein Buch das mit wenigen Farben auskommt und mit der gezielten Auswahl der Farben, Stimmungen und Emotionen erzeugt. Unterstrichen wird die Stimmung der Farben durch eine bildhafte Sprache, die auf die jeweilige Bildstimmung angepasst ist. Ein Beispiel: Wenn die Flammen im warmen Ofen hüpfen und tanzen, dann zeigt das Bild einen gelb orange rot leuchtenden Schein um den Ofen herum. Ist der Ofen stickig, dann sind die Farben eingegrenzt im Ofen zu sehen, kein Schein im Raum.

     

    Lieblingsbilder der Kinder waren deutlich: Als das Mädchen am nächsten Morgen im Bett der Grauen wach wird und die Sonne mit gelben Strahlen in das Zimmer scheint.

    Für die Kinder ein Bild der Hoffnung: „Jetzt darf das Mädchen bleiben!“ Der absolute Favorit ist für die Kinder das letzte Bild. Der graue Wald durch den das Mädchen und die Graue nun gemeinsam gehen, beginnt zu leuchten. Gelb-orange-rote Akzente erzeugen eine wohlige Stimmung.
    Liebe Eltern, liebe Erwachsenen…habt ruhig Mut ein gesamt recht graues und ernstes Buch zu wählen, denn es steckt viel mehr Liebe drin, als wir Erwachsene vermuten und Kinder können auch mit solch anspruchsvollen Büchern sehr gut umgehen!

    Dieses Buch hat die Kinder berührt und begeistert.

    Ich halte es für absolut empfehlenswert, allerdings eher für Kinder ab 5 Jahren und unbedingt mit Erwachsenen, die evt. aufkommende Gedanken und Emotionen der Kinder auffangen können, so dass die Kinder erkennen können  (Zitat, Mädchen, 5 Jahre alt ):  „Ich mag die Geschichte, weil das eine liebe Geschichte ist!“

     

    Autor: Annika Thor (Text) und Maria Jönnson (Bilder)
    Titel: Das Mädchen von weit weg
    Verlag: Friedrich Oetinger Verlag
    Erscheinungsjahr: im Oetinger Verlag 2016 erschienen
    Umfang: ein Bilderbuch, fest gebunden mit32 Seiten
    Preis: 12,99 Euro
    Zielgruppe: ab 4 Jahren

     

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