• Ein Jugendbuch mit Fragen zum Thema Umweltverschmutzung und Verantwortung für andere Menschen, verpackt in ein Abenteuer….

    Deadwater – Das Logbuch, wie weit darf man für eine gute Sache eigentlich gehen?

    Sandra Frommhold, Mutter von drei Kindern ( zwei Mädchen 13, 2 Jahre und ein Junge 9 Jahre) möchte euch dieses Buch vorstellen:

    Ist es legitim Menschen zu töten, um auf Missstände aufmerksam zu machen? – Ein Jugendbuch mit Fragen zum Thema Umwelt und Verantwortung für andere Menschen, verpackt in ein Abenteuer, in dem Jugendliche sich und ihre Fähigkeiten selbst entdecken und weiterentwickeln. Denn eigentlich sind sie viel mehr als nur der verwöhnte reiche Nachwuchs ihrer Eltern…

     

    Darum gehts: 14 Jugendliche, 4 Lehrer und 4 merkwürdige Besatzungsmitglieder treffen mitten in Kalkutta, im indischen Ozean zusammen, um einen Segeltörn zu machen! Mit welchem Hintergrund die Jugendlichen von ihren Eltern auf diese Reise geschickt werden erfährt man erst viel später, dass es nämlich gar kein Zufall ist.

    So sind die zum Teil recht verwöhnten, aus reichem Hause stammenden Kids mit ihrer Mannschaft auf sich gestellt und lernen das Leben auf einem Schiff kennen. Alles eigentlich ganz normal, bis der erste Lehrer verschwindet, und dann der zweite…und dann der letzte. Auch die merkwürdige Seemannsbesatzung ist irgendwann verschwunden. Ein Unfall, eine Entführung? Zumal sie auch noch herausfinden, das ihr Schiff eine Art Geisterschiff ist, auf der schon einmal Menschen verschwunden sind. Plötzlich erreicht sie ein seltsamer Funkspruch, sie sollen einen Koffer in Dhaka abgeben, sonst werden ihre liebsten Angehörigen sterben. Auch Frau Langer, die Geschichts- und Politiklehrerin taucht plötzlich wieder auf. Tot! Den Jugendlichen bleibt keine andere Wahl. Später stellt sich heraus, dass in dem Koffer eine Bombe ist die für das Leben von vielen Textilmitarbeitern in einer billig arbeitenden Fabrik verantwortlich sein wird.

    Und plötzlich wird klar, die Jugendlichen werden für eine politisch-ökologische Sache eingesetzt, die nur scheinbar nichts mit ihnen zu tun hat. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass ihre Eltern durch zum Teil nicht immer legale Geschäfte Ursache für dieses Mysterium sind. Alle sind irgendwie ins große Pharmageschäft verwickelt und verdienen genug Geld am Leiden von Menschen, die man mit wenigen finanziellen Mitteln retten könnte. Herr Detering, Lehrer, Schiffsarzt und Eigner des Schulschiffes taucht plötzlich wieder auf und übernimmt eine tragende Rolle, die eigentlich auf ihre Moral hinterfragt werden muss, denn die Motivation für sein Handeln ist durchaus verständlich.

    Thematisch denkt man anfangs, es handle sich um einen Abenteuerroman, erst später, als immer mehr Details auftauchen, wird klar, dass man es hier mit politisch-ökologischen Themen zu tun hat

    Ein Lehrer und Arzt, der bedingt durch persönliche Verluste, sich rächen will Und das leider mit unlauteren Mitteln, durch die weitere Menschen sterben. Themen wie Meeresverschmutzung durch Plastiktüten, Piraterie im indischen Ozean, die profitorientierten Machenschaften der Pharmaindustrie geben dem Buch eine ganz andere Richtung, und auch die Protagonisten müssen sich plötzlich mit solchen Sachen auseinander setzen und Position beziehen.

    Stilistisch gesehen, geht der Autor einen neuen interessanten Weg. Er lässt alle jugendlichen Protagonisten selbst in zum Teil kurzen Passagen zu Wort kommen und charakterisiert sie damit auf eine sehr persönliche Art und Weise

    Sehr unterhaltsam wird es durch die beschriebene Fremdwahrnehmung der anderen als auch die immer wieder knackigen, zum Teil bissigen Kommentare am Rande der Seiten. Am Anfang mag man als Leser dadurch noch überfordert sein, da man gar nicht weiß, was man zuerst lesen muss. Hat man aber später Figuren und Handlung durchschaut, ergänzen gerade diese Kommentare den Blick auf das Buch! Auch meine 13jährige Tochter hatte anfangs Probleme damit. Erst als sie herausfand, dass am Ende sowohl ein Namensverzeichnis als auch ein kleines Seemanns-Lexikon beschrieben sind, fühlte sie sich sicherer im Verknüpfen von Inhalten. Sie fand die kurzen Passagen der Jugendlichen gut, weil sie unterschiedlichen Wahrnehmungen der Ein- und Überschätzungen zeigen.

    Aufgrund der stilistischen Besonderheit, die ich gut finde, die sehr jugendliche Leser aber scheinbar noch irritiert, würde ich sagen, dass sich dieses „Logbuch“, auch bedingt durch seine Themen, doch eher an Leser ab 14 Jahren richtet, die gern und viel lesen. Für Anfänger könnte es total frustrierend sein, den Überblick zu behalten.

    Qualitativ empfinde ich das Buch sehr gut, weil es neue Wege geht. Auch was die inhaltlichen Sachen angeht.

    Ähnlich wie in „Mädchenmeute“ erhalten Jugendliche hier die Möglichkeit durch ihren Trip zu reifen und neue Erfahrungen zu sammeln und sich in einer neuen Gruppe ohne Vorurteile beweisen zu müssen. Jeder wird mit seinen Fähigkeiten gehört und genutzt.
    Die Zeichnungen am Rande, die meisten von dem kunstbegabten Chris, verdeutlichen sowohl die geografische Lage des Segeltörns, als auch den Aufbau des Schiffes als auch einfach das Auflockern des Inhaltes, zum Beispiel als sie vor den Piraten in die große schwarze Sturmwand des Meeres fliehen.

    Stilistisch und thematisch finde ich das Buch klasse. Es ist ein Buch mit Anspruch! Durch das Seemanslexikon am Ende lernt man sogar noch dazu, was praktisch ist für den nächsten eigenen Segeltörn

    Es liest sich sehr schnell, da keine großen Beschreibungen enthalten sind, sondern mehr Innendarstellungen und Kurzbeobachtungen, um als Logbuch zu überzeugen. Das tut es aber auch.

    Ein bemerkenswertes Buch, das sowohl den jugendlichen als auch erwachsenen Leser aufrüttelt, allein wenn es um die Umweltverschmutzung geht oder die profitablen Machenschaften der Pharmaindustrie. Und nichts desto trotz muss sich jeder Leser hier selbst überlegen, wie wie man gehen darf, um für seine Überzeugung zu kämpfen. Denn das politische Überzeugung auch schnell in Fanatismus ausarten kann, sehen wir fast täglich in den Medien. Ein Buch, das zum Denken anregt und als Schullektüre sehr gut einsetzbar ist, weil es viele offenen Fragen noch vertiefen könnte, so dass sich die Jugendlichen eine gezieltere Meinung bilden könnten.

    Tobias Rafael Junge; Nils Andersen
    Deadwater – Das Logbuch
    Dressler, 2017
    239 Seiten
    9,99 Euro
    Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jahren

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